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Empathie ist das Echo, das Nähe schafft



Wenn ich mit dem gepolsterten Klöppel in die Mitte des Gongs schlage, schwingt der Ton lange nach. Er steht im Raum, bewegt sich in der Luft. Ich höre nicht nur die Klangwellen im Ohr, sie treffen auch auf meine Haut, die zu vibrieren scheint. Ich halte still, spüre im Körper eine Resonanz.


Wenn eine Person in meinen therapeutischen Gruppen eine persönliche Begebenheit erzählt, kommt es auch zu Resonanzen: Die Geschichte löst bei den Zuhörer:innen Gefühle aus, Erinnerungen an eigene ähnliche Begebenheiten. Ängste, die Susanne offenbart, bringen Ängste von Jana ins Schwingen, die sie in einer ähnlichen Situation erlebt hat. Jana fühlt mit, fühlt sich berührt. David scheint tief betroffen. Marc reagiert auf seine Weise, mit einem inneren „Stell dich nicht so an!“. Klaus hingegen denkt, zum Glück ist das bei mir ganz anders. Wie bei einem Gongschlag hallt der Ton nach: In einer Gruppe löst jede emotionale Schilderung einer Person viele andere emotionale Empfindungen oder Gedanken bei den Teilnehmer:innen aus. Das passiert blitzschnell, bleibt aber meist unbemerkt. Was passiert mit diesen vielen Resonanzen?


Als Therapeut bin ich froh, wenn die Gruppenmitglieder über ihre Resonanzen sprechen, wenn sie Anteilnahme zeigen, wenn sie Susanne nicht alleine stehen lassen mit ihrer Selbstoffenbarung. Für die Beziehungen untereinander, für den Kontakt und die Verbesserung der Kommunikation ist es ausgesprochen hilfreich, wenn die Gruppenmitglieder empathisch reagieren, offen zeigen, ob sie das Erlebte teilen, es nachempfinden können. Empathie zeigt sich dann nicht nur im Nicken, im Lächeln, sondern auch im sprachlichen Reagieren, in Worten, die Verständnis ausdrücken. Empathie ist das Echo, das Nähe schafft.


Warum schreibe ich das hier? Weil ich mich manchmal frage, ob erwachsene Menschen, die lange gestottert haben, mit ihrer Empathie haushalten, ihre Anteilnahme oft nicht sprachlich mitteilen. Vielleicht liegt es daran, dass früher ständig das eigene Stottern lauerte und ihnen die Bezugnahme zum Gegenüber zu vermasseln drohte. Blockaden blockierten die verbale Anteilnahme. Wir wissen ja alle, dass insbesondere dann, wenn starke Gefühle im Raum stehen, das eigene Stottern auf dem Sprung ist. Da nickt man lieber und schickt vielleicht noch ein „hm“ hinterher. So erkläre ich mir die Situation in meinen therapeutischen Gruppen mit stotternden Erwachsenen, in denen langes Schweigen nach Selbsteinbringungen einzelner Gruppenmitglieder öfter die einzige Resonanz bleibt, die erkennbar ist: Da bleibt die Person, die sich offenbart hat, allein im Regen stehen. Dann springe ich ihr zur Seite.


Ein ähnliches Phänomen ist die „Sparsamkeit“ bei den Rückmeldungen: Halte dich nicht zurück mit deiner Meinung, auch wenn du das Gleiche sagen möchtest, was von jemandem anderen bereits geäußert wurde. Wenn ich dann in die Gruppe frage: „Und ihr anderen, wie seht ihr das?“, entschuldigen Gruppenmitglieder ihr Schweigen mit der Äußerung: „Ich wollte das Gleiche sagen“. Ja, dann sage das Gleiche! Es geht um Deine Empathie, um deine Anteilnahme, um den Bezug, den du zum Gegenüber herstellst. Willst du den Bezug zum Gegenüber? Dann rede! Wir brauchen viele Rückmeldungen! Einmal ist keinmal! Es tut gut, die Einschätzung von mehreren Personen zu hören.


Da, wo Empathie spürbar ist, entsteht Nähe.

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