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Frausein und Stottern


Vor kurzem habe ich Dorit und Agatha, Almut und Susanne getroffen, auf Zoom. Sie haben miteinander diskutiert, ich habe moderiert und zugehört. Das Thema war: Frausein und Stottern – from a stuttering girl, to a woman who stutters. Ich bin ein Mann, ich bin ein Therapeut, ich habe mein Leben lang stotternde Menschen behandelt. Vor allem Männer. Dorit, Agatha, Almut und Susanne sind Frauen. Sie haben über ihre Sichtweisen gesprochen: Was bedeutet es, zu dem Teil der Menschen zu gehören, der in unserer Gesellschaft benachteiligt wird und zusätzlich mit dem Handicap Stottern fertig werden muss? Wenn die Frau dann auch noch junge Mutter ist, hat sie es dreifach schwer im beruflichen Konkurrenzkampf zu bestehen. Die vielen Zumutungen männlicher Kollegen zurückweisen zu wollen und immer wieder durch das Stottern gehindert zu sein, das ist wahrhaftig nicht leicht. Nix mit Chancengleichheit. Noch mehr strampeln müssen, um gesehen zu werden, um im Team berücksichtigt zu werden und einen angemessen Raum zur Entfaltung für sich zu erobern. Und die Befürchtung: Ich werde nie und nimmer die gnadenlosen Normen von Schönheit und Attraktivität erreichen können, weil das hässliche Stottern mit seinen Blocks und Grimassen unberechenbar auf der Lauer liegt. Dorit, Agatha, Almut und Susanne sind vier Frauen, die in der Podcast-Diskussion beispielhaft aufgezeigt haben, wie sich das Erleben von Frauen anfühlen kann, wie ihre Biographie maßgeblich mitgeprägt wird durch die Stottersymptomatik. Sie haben den Anteil des Stotterns laut werden lassen, der sich – in dem Bild vom Stottern als einem Eisberg – unter der Wasseroberfläche befindet, der nicht gesehen wird, der keine Stimme hat, dem in unserer Gesellschaft nur sehr vereinzelt Gehör geschenkt wird. Dorit, Agatha, Almut und Susanne lassen uns in ihren Äußerungen teilhaben, was sich unter der Oberfläche abspielt, die Scham, die Hilflosigkeit, die Gefühle von Minderwertigkeit und Selbsthass, die negativen Selbstbewertungen, die in bestimmten Phasen ihres Lebens die Lebensqualität beeinträchtigt haben. Gleichzeitig zeigen die vier Frauen auf, wie sie sich mit dem Stottern auseinandergesetzt haben, welche Kräfte sie mobilisieren konnten, um selbst ihr Lebensglück in die Hand zu nehmen, wie sie Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere Menschen heute übernehmen. Es wird deutlich, dass das Stottern auch Motor ist, sich weiterzuentwickeln, Fähigkeiten gezielt auszubauen und zu vervollkommnen. Sie haben sich ihrem Stottern gestellt – voll und ganz, intensiv und immer wieder, kritisch und zuversichtlich. Und das nicht nur mit dem Blick auf die Spitze des Eisberges, der sichtbar ist, sondern auch mit Blick auf den viel gewichtigeren und mächtigeren Teil, der die Basis des sichtbaren Stotterns ist. Um diesen Teil der eigenen Person in den Blick zu nehmen, braucht es bei Männern – so scheint es mir –, oft ein bisschen länger. Sie nehmen bevorzugt ihre sprechmotorischen Symptome in den Blick und suchen nach Techniken, um sie kontrollieren zu können. Dabei macht der Blick auf das sichtbare Symptom und die Beschäftigung mit den Modifikationstechniken des Sprechens und der Redeunflüssigkeiten die Eigenarbeit oft zu einem Kampf, der niemals zu enden scheint. Vor allem dann nicht, wenn es immer wieder nur um ein verfeinertes Kontrollieren der Sprechunflüssigkeiten und Blockaden geht.


Wir wissen, dass bei etwa 80 % Prozent der Betroffenen das Stottern als Disposition vererbt wird. Und wir wissen auch, dass auf vier stotternde Männer eine stotternde Frau kommt. Kein Wunder, dass in den Selbsthilfegruppen so viele Männer sind. Wir wissen auch, dass die überwiegende Mehrzahl der logopädisch arbeitenden Fachkräfte Frauen sind. Die stotternden Männer und die Logopädinnen orientieren sich dabei an Therapiekonzepten, die meist von männlichen Experten erdacht wurden und bei denen es immer wieder vorrangig um Kontrolltechniken des Stotterns geht. Was bedeutet das für stotternde Frauen? Sie müssen sich mit den Werkzeugen begnügen, die für die Bearbeitung des kleinen, sichtbaren Teils des Eisberges entwickelt wurden und sowohl in den Selbsthilfegruppen als auch in professionellen Stottertherapien bevorzugt zur Anwendung kommen. Vielleicht fällt es den stotternden Männern leichter, sich mit den bereitliegenden Methoden zur Sprech- und Stottermodifikation zu identifizieren. Aber auch sie kämen zu kurz. Auf jeden Fall wäre es wichtig, die im deutschen Sprachraum vorhandenen Therapieangebote stärker zu individualisieren – was im Grunde genommen eine selbstverständliche Notwendigkeit ist –, sie also anzupassen und zu erweitern in Bezug zur Person mit ihren biographischen Eigenheiten, d.h. z.B. ihren Kenntnissen, Handlungsmöglichkeiten, Motivationen, Vorerfahrungen, kulturellen und religiösen Hintergründen und geschlechtlichen Präferenzen.


Vielleicht denken Sie als Leserinnen und Leser an diese Fragestellung, wenn Sie im Sommer die Eiswürfel in Ihren Erfrischungsgetränken betrachten und es sich gut gehen lassen. Zuvor empfehle ich Ihnen allerdings, sich den Video-Podcast „Frausein und Stottern“ anzusehen und anzuhören. Hier geht es zur 3. Folge.

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