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Akzeptanz

Kann man dieses schreckliche Ungeheuer von Stottern überhaupt akzeptieren?

Dieses Ungeheuer, mit dem man seit Jahren kämpft. Das einem ständig weh tut und quält? Da soll es tatsächlich Menschen geben, die meinen, man müsse das eigene Stottern akzeptieren. Ja, die Idee von der Akzeptanz des Stotterns ist in der gegenwärtigen Selbsthilfe- und Therapielandschaft weit verbreitet. Völlig verrückt, könnte man da denken, warum akzeptieren? Das Stottern hat mich mein ganzes Leben gequält. Und es quält mich auch heute noch. Das verdammte Ungeheuer will ich vernichten, nicht akzeptieren. Kampf steht an – nicht Liebe.



Vor drei Monaten bin ich nachts – es war stockdunkel – über einen langen Stab, der im Weg lag, gestolpert. Heute laboriere ich noch immer an den Folgen des Sturzes herum. Ohne Krücken ging gar nichts. Ohne Schmerztabletten waren manche Tage nicht auszuhalten. Ich musste mit meinem Physiotherapeuten das Gehen neu lernen. Dazu war es notwendig, die Bewegungseinschränkung zu akzeptieren, sie nicht nur als gegeben irgendwie anzunehmen, sondern mich ihr gezielt und achtsam zuzuwenden. Gegen sie anzukämpfen war sinnlos. Sie abends in ein paar Glas Bier zu ersäufen, kam auch nicht in Frage. Ich musste mein Knie in die Hände nehmen, massieren, die Muskelgruppen ringsum genauer erspüren, herausbekommen, wie es wieder möglich wird, das Gelenk vorsichtig zu belasten, wie sich die Beugung bzw. Streckung des Beines durch Ober- und Unterschenkel koordinieren lässt, mit welchem Teil der Fußsohle ich bei meinen Gehversuchen den Boden berühren sollte, welche Neigung des Oberkörpers sich als hilfreich erweist, um flüssiger in den Ablauf des Laufens zu gelangen. Und ich musste lernen, das richtige Maß an Übungsaktivität zu finden, das mir guttat – und dabei meine Wut und meine Ungeduld zügeln. Und auch meine „Krüppel-Fantasien“, die ins Trostlose abdrifteten.


Ich habe während dieser Zeit oft an das Thema Akzeptanz gedacht, Akzeptanz des Stotterns. Mit dem Stottern sind viele Schmerzen verbunden, schmerzhafte Erinnerungen und Demütigungen. Und Katastrophenfantasien, was morgen oder demnächst wieder garantiert schieflaufen wird. Es führt kein Weg daran vorbei: Du kannst dich nur aus dem Gefängnis des Stotterns befreien, wenn du gelernt hast, die eigenen Einschränkungen zu betrachten, zu erforschen, zu verstehen, wie sie „funktionieren“, sie vorbehaltlos immer wieder neu zu bewerten, mit unterschiedlichen Veränderungsmöglichkeiten zu experimentieren, zu überprüfen, was dir hilft und was für dich umsetzbar und handhabbar ist. Und bei alledem die immer wieder auftauchende Hilflosigkeit auszuhalten. Zu akzeptieren. Vorwärtszulaufen, auch wenn es schmerzt. Nicht abzuwarten, sich nicht auszuruhen und hoffen, dass es schon irgendwie besser werden wird. Hier heilt die Zeit keine Wunden. Beim Wiederlaufenlernen nicht

und auch beim Stottern nicht. Bei meinen mühsamen Gehversuchen unter Schmerzen musste ich an meine Klient:innen denken, die gelernt haben, trotz Angst und Zittern der Kniee, Pseudostottern endlich im Alltag einzusetzen und das regelmäßig zu tun, damit die Stotterängste und die Versagensfantasien aufhören. Damit das Ungeheuer endlich Ruhe gibt. Ohne Akzeptanz - keine Veränderung. Ohne Akzeptanz keine Bewältigung der Einschränkungen, die mit dem Stottern einher gehen.

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Die Technik hat mir einen Streich gespielt. bin nicht anonym...bin Almut Freitag

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