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Björnaut bei Therapeuten, die am Stottern leiden


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Ein guter Bekannter von mir ist auch Stottertherapeut. Er heißt Börn. Björn. Er stottert nicht, behandelt aber stotternde Menschen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlecht es ihm geht. Er wollte mit mir reden, weil er an seinen Klienten leidet. Das dürfte für Außen-stehende schwer nachvollziehbar sein. Therapeuten bekommen ja Geld für ihre Arbeit, sie ziehen handfesten Nutzen aus ihrer Tätigkeit, können sich eine Familie leisten, einen Kombi und füttern zusätzlich noch einen Golden Retriever durch. Sie leisten sich zweimal im Jahr Urlaub und gehen regelmäßig ins Kino oder abends ins Restaurant. Sie bringen ihren Freunden Blumen mit und gönnen sich wenn nötig Zahnersatz. Sie leben von den Einnahmen ihrer Klienten. Ja, so ist das auch bei Björn. Und trotz alledem leidet er an den Unflüssigkeiten und Blockaden seiner Patienten. (Du hast schon gemerkt, heute erlaube ich mir, nur die männliche Form zu benutzen, um die Tatsache hervorzuheben, dass Stottern drei- bis viermal häufiger bei Männern auftritt.) Kaum sitzen wir beim französischen Konditor, flüstert er mir zu, er leide an einem Björnaut, einer Krankheit, deren Behandlung von der Krankenkasse bezahlt wird. Er würde aber nie und nimmer vor Kollegen den Björnaut zugeben – und erst recht nicht vor seinen stotternden Klienten. Was ist denn so belastend an der Arbeit, habe ich gefragt. Das sei doch offensichtlich, hat er ärgerlich erwidert, dann aber abgewiegelt und betont, wie anregend und abwechslungsreich die Beschäftigung mit diesen Menschen sei. Alle seien richtig nette Zeitgenossen, immer rücksichtsvoll und zuvorkommend. Dann hat er doch Farbe bekannt, sich nach rechts und links umgeschaut und mir zugeflüstert, die Stotterei springe über. Ja, die Verkrampfungen würden vom Patientenstuhl direkt zu ihm hinüberspringen und ihn in einen permanenten Erregungszustand versetzen. Und bei Erwachsenen zögen sich die Therapien schrecklich in die Länge. Nach den Ferien müssten immer wieder Verlängerungsanträge gestellt werden. Hört das denn gar nicht auf, stöhnte er. Immer diese Blockaden von früh bis spät. Jahrein, Jahraus. Schlimm sei auch das Gejammere der Angehörigen, die müssten ebenfalls betreut werden, weil die sich wundern, dass das liebe Kind noch immer kneift, wenn es in Gruppen sprechen soll.


So saßen wir da, Björn und ich, er war froh, all den Ballast mal loswerden zu können. Ich fing an, mir Sorgen um ihn zu machen und wollte seine Beichte abkürzen. Aber er wusste von meiner Liebe zu Käsekuchen und hatte schon zwei neue Stücke bestellt. Die Jugendlichen hätten die dumme Angewohnheit, über Freundschaft und Sex sprechen zu wollen, statt die Sprechtrainingsaufgaben gründlich zu trainieren. Das alles bringe ihn an die Grenze. Ganz schlimm sei auch der Zeitdruck und die ständige Orientierung an vorgegebenen Examensterminen, zu denen die Blockaden unbedingt verschwunden sein müssten. Als die Kellnerin vorbeiging, orderte Björn ungefragt ein Stück Blaubeertorte für mich. Mit Sahne. Ohne das leckere Teil hätte ich mir diese Qualen kaum länger anhören können. Dabei war seine Litanei noch lange nicht zu Ende: Er leide ständig unter Schnupfen wegen der Pflicht zur In-vivo-Arbeit auch im Winter. Und dann die Rückfälle, die der Therapiemethode oder den „unbegabten Fachkräften“ angelastet werden Da fing er fast zu weinen an. Ich kenne meinen lieben Björn schon von langen Kanufahrten im Havelland. Da war seine Ausdauer unerschöpflich. Bewundernswert sein Beharrungsvermögen auch jetzt, trotz allem im Beruf bleiben zu wollen. Beim Verabschieden habe ich ihn umarmt und ermutigt. Natürlich darfst du dir angesichts dieses harten täglichen Brotes einen Björnaut leisten. Reha, Reisen, Räucherkerzen – alles ist dann erlaubt. Und Lachen und Scherzen auch.


Auf dem Heimweg habe ich gedacht, es wäre doch spannend, wenn die Stotternden „Bäumchen wechsele dich“ spielen würden. Sie thronten dann auf dem Therapeutenstuhl, die Therapeuten würden es sich auf dem Klientenstuhl bequem machen. Nun würde ein Weilchen „blinde Kuh“ gespielt, bevor es dann ans Eingemachte ginge. Für die Stotternden hieße es dann Aufpassen und für die Therapeuten Auspacken. Ein solches Spiel lässt sich überall spielen. Das passt auch in jedes BUKO-Programm (Bundeskongress Stottern und Selbsthilfe).

 
 
 

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