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Alles muss raus

Sep 5
2 min read

Mein kleiner Bruder hat sich heute zu weit aus dem Fenster gelehnt. Dabei hat’s ihm die Mütze vom Kopf gerissen. „Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster“, habe ich gebrüllt. Aber es war zu spät, das gestreifte Wollteil flog in die Dunkelheit. Wir beide haben da so ein Ritual, immer donnerstags um 22:22 rasen wir durch die Stadt, griffige Reifen, volle Pulle Musik, er schreit – was der Teufel hält – aus dem Beifahrerfenster. Er ist depressiv und vorgestern 17 Jahre alt geworden. Das Schreien tut gut, alles rauslassen was drückt, sagt er, ein Spruch, den er vor einem Jahr von einem Wellnessevent aus dem Allgäu mitgebracht hat. Seit fast neun Monaten rasen wir also durch die Randbezirke der Stadt, er immer mit feuchten Augen, ich mit Blick in den Rückspiegel – wegen der Polizei. Gestern waren Tiere dran, harmlos fing es an: „Ich bin ein hässliches Entchen“, „ich quake nur Unsinn“, „Ich stinkendes Schwein“, „Ich Mistkäfer“. Dabei sieht er gut aus, richtig gut mit seinen blonden Locken, macht neuerdings Powerlifting und trägt Seidenschals. Am großen Kreisverkehr Richtung Tiefensee schaltet er dann auf Du um: „Du Missgeburt“, „Du Affenscheiße“. Das hat er mindestens 10-mal geschrien, im Wechsel. An der Shell- Tankstelle, wo es zur Autobahn abgeht, halten wir immer kurz, kleiner Stopp fürs Bier. Bruderherz hat schnell noch mal „Pumakacke“ gebrüllt, herzerweichend, ohne “Ich“, ohne „Du“ – was das mit dem „Ich“ und dem „Du“ übrigens auf sich hat, habe ich nie verstanden. Dann bin ich reingeflitzt für den Sechserpack. Auf der großen Runde Stadtring – noch bleiben die Flaschen zu – sind immer die Tränen dran, das ist etwa nach der Hälfte unserer Tour. Brüderchen war bei den Nagetieren gelandet, dann bei den Vögeln („Du Kranich-arsch“). Wie üblich hat er Rotz und Wasser geheult. Da kann man richtig Mitleid kriegen. Dieses jämmerliche Rumgekrächze, macht mich manchmal fix und fertig. Wenn ’s so richtig emotional wird, versuche ich das Tempo noch mal zu erhöhen, das Gaspedal ist fast durchgedrückt. Der Rotz fliegt praktischerweise gleich raus in die Nacht, zusammen mit der „Kuhpisse“, dem „fetten Ochsen“ und der „Kalbsschnauze“. Die Straßen müssen heute morgen mit Rindviechern übersäht gewesen sein, Kühen und Stieren, die auf den Bürgersteigen wiederkäuen. Das ganze Zoogetier scheint Ausgang zu haben. Bei dem ganzen Gebrülle verdient mein kleiner Bruder einen riesigen Respekt: Er schreit nie „Du blöder Wichser“ oder „Du geile Fotze“, nein, er bleibt immer schön anständig, so heftig er auch mit seiner ganzen Wut und Verzweiflung kämpft. Gestern Nacht habe ich seit langer Zeit mal wieder mitgeheult. Wenn wir dann unten am See parken, öffnen wir die Bierflaschen, blicken aufs Wasser und erzählen uns Witze. Aber Frauen dürfen nie vorkommen, weil, wegen der Freundin, die im Allgäu bei einem Mountainbike-Rennen abgestürzt ist. Die hat die Kurve nicht gekriegt und ist dann abgekratzt. Wenn uns kein Witz mehr einfällt, kramen wir unter den Sitzen ein paar Witzhefte hervor, einer nennt eine Zahl, zum Beispiel 73,1. Der andere schlägt die Seite 73 auf und der erste Witz oben ist dran. Dann lachen wir uns schief. Ja, alles muss raus. Ich bin froh, wenn mein kleiner Bruder den Führerschein macht. Dann fährt er, und ich geh’ auf den Beifahrersitzt

 
 
 

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