Weisheiten und Leitplanken
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Weisheiten schwirren heutzutage überall herum, auf U-Bahn-Bildschirmen, in Comic-Blasen, Hochglanzmagazinen, auf Werbepostern, Postkarten und transparenten Einwickelzettelchen von Schoko-Kugeln. Selbst Klopapierrollen vermitteln kluge Sprüche für nachdenkliche Zeiten. Das finde ich ausgesprochen lobenswert. Nicht nur kluge Leute werden noch klüger, sondern auch Otto-Normalverbraucher:innen bekommen kostenlos Nachhilfeunterricht für den steinigen Lebensalltag. Vor Kurzem ist mir ein Spruch von Daniel Libeskind * aufgefallen, pfiffig, habe ich gedacht, kurz und knapp, kann man gut verstehen: „Hab kein Ziel im Leben. Spazier einfach los und sei fröhlich.“ Ja, einfach loslaufen und fröhlich sein, das wär‘ doch was! Das hört sich ziemlich leicht an. Doch dann sind mir Zweifel gekommen. Verstehe ich die Aussage wirklich? (Otto ist gerade nicht da, ich kann ihn nicht fragen.) Das Losspazieren, das fällt mir nicht schwer. Aber wenn ich die Wohnung verlasse und mich im Wirrwarr der Straßen herumtreibe, den Lärm in den Kaufhäusern und die dröhnende Musik am Imbiss erdulden muss, wenn ich mich inmitten des Gerangels befinde, um mich noch in einen übervollen Bus zu quetschen oder zitternd am Bahnsteig den Ausfall der Züge erleide, nein, das macht nicht fröhlich, das kann ich nicht mit einem Lächeln quittieren. Und meine Ziele, die soll ich aufgeben, einfach ohne Navi fahren, ins Blaue hinein? Wo ist die Anlegestelle nach Helsinki? Ich will mein Ziel finden, meine Fähre zu den wohlverdienten Ferien! …. Ich habe gerade noch einmal in der Küche nachgeschaut, aber Otto ist noch immer nicht aufgetaucht ist. Will mich das Schicksal hier und jetzt daran erinnern, dass alles menschliche Trachten vergebliche Liebesmühe sei? Ich schließe die Augen. Sind denn Ziele deswegen sinnlos, weil wir sie sowieso verfehlen werden? Weil wir nie da ankommen, wo wir es geplant haben? Das wäre eine traurige Unterstellung! Ich jedenfalls bin gut in der Lage, meine Vorhaben systematisch zu planen und gründlich umzusetzen. Da spüre ich, wie sich Ärger regt. Wo ist Otto? Ich habe keine Handynummer von ihm. Gibt es überhaupt einen Otto? Meine Verlobte von vor tausend Jahren taucht plötzlich auf, die glücklicherweise nie meine Ehefrau geworden ist. Ja, mein aufwendiger Umzug von Berlin nach Bayern meldet sich. Er war völlig überflüssig, kaum ein Jahr später habe ich verzweifelt eine Wohnung in Berlin gesucht. Verdammt, Sie merken, liebe Leserin, lieber Leser, ich stecke fest, ich muss zurück zur Küche, ich brauche einen Kaffee. …. Bin wieder da und strahle. Sie werden es kaum glauben, ich habe die Küche gefunden, in meiner Wohnung, ganz von selbst, ohne es mir vorzunehmen. Und noch ehe ich es bewusst wahrgenommen habe, war der Kaffee im Becher. Otto ist mir jetzt schnuppe. Und beim Spazieren durch Flur und Zimmer, fand ich mich plötzlich auf dem Balkon wieder. Und dann, das war schon komisch, stand ich unter der Dusche. Ich schwöre es, das war nicht geplant! Alles floss so schön dahin, ich habe ein bisschen vor mich hin gepfiffen, und dann, beim kalten Schauer, ganz plötzlich kam der Gedankenblitz: Es geht vor allem um die Leitplanken, rechts und links, ja, Sie haben sich nicht verlesen. Diese Dinger machen es uns so schwer, die vorgezeichneten Wege zu verlassen, eingeschlagene Richtungen zu ändern, nach der Garderobe einfach links zur Dusche abzubiegen, getroffenen Entscheidungen zu verwerfen und durch neue zu ersetzen. Statt Festhalten Loslassen und die Freiheit genießen. Ja, und so kommen wir dann auch zum Zwitschern, zum Fliegen wie die Vögel, zum Fröhlichsein. So, nun ist mir alles klar. Machen Sie es gut, und gehen Sie öfter mal unter die Dusche. Und biegen Sie auf ihren Runden öfter mal ab. Das wäre doch was. * Zitat: Daniel Libeskind, polnisch-amerikanischer Architekt und Bühnenbildner. In: ZEIT Magazin 20.6.2024



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