Verschieben
- Jun 2
- 2 min read

Vor Kurzem habe ich entdeckt, dass eines meiner Lebensprinzipien, an die ich mich bisher strikt gehalten habe, ein Hirngespinst war, das mir meine Oma eingeflüstert hatte, damals, um meinem Leben angeblich Halt und Orientierung zu geben. In Wirklichkeit ging es ihr wohl um ihr eigenes Seelenheil oder, genauer, um ihren Rücken. „Mein Junge“, hatte sie gesagt, „verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen!“ Ja, es ging um das Unkraut, das ich aus dem Boden reißen sollte, jähten, jetzt und sofort. Diese Redeweise war keine weise Rede. Dies war einer ihrer egoistischen Sprüche, um sich morgen nicht bücken zu müssen.
Heute meine ich, dass man nur dann gut durchs Leben kommt, wenn man all die unangenehmen Dinge getrost auf die lange Bank schiebt. Warum ist sie denn als lange Bank konstruiert worden? Damit du und ich und wir alle uns nicht so drängeln müssen mit der Erledigung der ungetanen Dinge. Wenn ich nur daran denke, wieviel Zeit ich vergeude, samstags den vollen Mülleimer die vielen Treppen herunterzuschleppen, statt den Kartoffelstampfer zu nehmen und den Abfall noch ein wenig tiefer in den Eimer zu drücken. Oder die Fenster zu putzen, wo doch gleich ein Wirbelsturm aus Afrika den Wüstensand an die Scheiben schleudern wird. Lieber ein bisschen abwarten und Tee trinken. (Das hat meine Oma allerdings nie gesagt.) Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Ich kann den Eimer getrost zwei Tage später leeren oder die Fenster in drei Wochen putzen oder nach dem Urlaub. Und wenn du eine Prüfung hast, die du planst, dann nimm dir das Verschieben zu Herzen. Du kannst dann noch nächtelang die wichtigen Bücher unter dein Kopfkissen legen. Lieber heute genießen als morgen schon tot sein. Oder krank werden. Oder sein Augenlicht verlieren. Es passieren ja heutzutage wirklich scheußliche Dinge. Ja, alles hat seine Zeit. Und die Zeit liegt in der Zukunft. Sie sollte nicht im Heute vergeudet werden. Wer dies begriffen hat, dem eröffnet sich ein großes Feld ungeahnter Möglichkeiten. Die Freiheit wird grenzenlos sein. Ja, das ist ein Lebensprinzip, das sich gut anfühlt. Und von dem meine Oma noch völlig unbeleckt war.



Comments