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Bist du ein Schlauberger, eine Schlaubergerin?



Natürlich nicht. Natürlich bist Du bemüht, dich äußerst angemessen und abgewogen auszudrücken. Das ist eigentlich bei den meisten Menschen so, die stottern. Wer stottert, hat von früh auf versucht, wenigstens die Inhalte des Sprechens anspruchsvoll zu gestalten. Die Aussage muss stimmen, wenn die eigene Sprechweise – wie

man selbst findet – zu wünschen übriglässt. Nach dem Motto: Wenn ich schon rede, dann müssen wenigstens die Inhalte einigermaßen vernünftig klingen. Vielleicht startest Du auch nicht gleich, obwohl die Gedanken schon längst auf der Zunge bereit liegen, steigst nicht ein ins Gespräch, zögerst. „Erst überlegen, dann sprechen!“ Das ist ein Spruch, den stotternde Kinder oft von ihren Eltern hören mussten. Schrecklich! Dabei macht das Überlegen die Sache meist viel schlimmer. Die Angst steigt, das Gedankengeflüster beginnt: „Ich warte lieber noch ein bisschen“, „der richtige Moment ist sowieso vorbei – jetzt passt es nicht mehr“, „war ja doch nicht so wichtig“, „Blockaden kann ich mir hier nicht erlauben“. Es fühlt sich wie eine Überwachungskamera im eigenen Kopf an, die immer auf Hab-Acht programmiert ist, mit einem Bewegungsmelder versehen, jedes falsche Tönchen wird registriert, alle Fehler werden penibel abgespeichert. Und was ist das Ergebnis: Die innere Selbstzensur, die Warteschleifen, die Selbstzweifel kriegen ständig Futter. Stattdessen einfach loslegen? Ohne Scheu? Nicht vorsortieren? Willst Du das überhaupt? Erlaubst Du Dir das? Oder ist die Ermahnung „erst überlegen, dann sprechen!“ in Dir heimisch geworden?


Erst wenn du Dir erlaubst banal zu sein, nicht schlau, wenn du wagst, den kleinen Schlauberger, die kleine Schlaubergerin rauszuschmeißen, kann Deine Sprechscheu weichen. Wenigstens in Deinen Alltagsgesprächen könntest Du damit beginnen. Du darfst auch über Dein Frühstück reden, über Deine Schuhe, die Du gerade trägst, ob sie geputzt sind oder nicht, auch über den Spaziergang durch die Laubenkolonie, erzählen von den Leuten, die bei Dir im Haus wohnen, egal, über Kleinkram, Murks und Banales, es muss nichts Besonderes sein. Öfter reden, Dich mehr einmischen, einfach drauf los. Den eigenen Senf dazugeben! Das haben viele Menschen, die stottern, wenn sie erwachsen geworden sind, verlernt. Jaaaaaaa! Prüfen, ob es die eigenen Leistungsansprüche sind, die immer wieder die Anspannung beim Sprechen in die Höhe schnellen lassen. Herausbekommen, was das Kopfgeflüster empfiehlt: „Halt Dich schön zurück!“ oder „Häng‘ Dich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster!“


Mehr dazu siehe: Mein Stotter-ABC. Schlagwort „Erzählen“, S. 46-47

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