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Falsches Leben


Stecke ich in einem falschen Leben? In einer falschen Haut, einer Stotterhaut? Fratze mit Blockaden. „Rothaut“ haben sie gerufen. Knallrot bin ich angelaufen, wenn ich mich gemeldet habe. Das habe ich sehr bald sein gelassen. Schweigen ist gold – wie es so schön heißt. Stotterheini und Rothaut, das war einfach zuviel. Was wäre aus mir wohl geworden, wenn ich nicht gestottert hätte? Wenn meine Birne nicht rot angelaufen wäre? Aus mir wäre was Richtiges geworden. Was sich sehen lassen kann und Eindruck macht. Freunde hätte ich gehabt, einen anderen Beruf gewählt, vielleicht studiert, Reisen ins Ausland unternommen.

Ich bin immer an den Kreuzungen falsch abgebogen, habe mich immer unglücklich verliebt, mich immer in die falschen Betten gelegt. Bin auf Berge geklettert und auf halber Höhe umgekehrt. Das Stottern hat mir alles vermasselt. Wie eine Zwangsjacke, die ich nicht loswerde. Ich weiß, wenn ich das so sage, das bringt nichts. Ohne Stottern wäre ich vielleicht auch eine arme Sau. Na, stimmt doch, kann doch sein. Und wenn ich anders abgebogen wäre, wären mir andere Missgeschicke passiert. Glück und Unglück sind immer irgendwie da, in jedem Leben. Auch in meinem. Manchmal spüre ich so etwas wie Glück, wenn ich in der vollen U-Bahn nach der Arbeit einen freien Platz ergattern kann. Oder wenn das Bier im Zustand richtig kalt ist, oder eine Kollegin mir in der Teeküche auf die Brust tippt und meinen Pullover bewundert. Das ist schon schön. So ein bisschen was wie Glück kommt dann schon auf. Dann fühle ich mich stark, irgendwie unbeschwert. Ich glaube, richtige Luftsprünge würden mich sowieso nur schwindlig machen. So ein Möchtegernleben will ich mir gar nicht ausfantasieren. Ist ja nur gesponnen. Eigentlich weiß ich ganz genau, ich muss mein Glück Hier und Jetzt machen. Noch ‘ne Schippe drauflegen, einen kleinen Glücks-Vorratshügel anlegen, auf den ich mich betten kann. Aber ich muss immer auf der Hut sein. Hinter den Sträuchern könnten Rothäute auftauchen und mich skalpieren. Oder Stotterbestien, die mich verschlingen. Also, auf der Hut tut gut. Das ist eine Lebensdivise, die zählt. Von meinem Glückshügel aus kann ich die Landschaft gut überblicken. Vielleicht entdecke ich dann doch eine Höhle, in der ich mich verkriechen kann. Eine Höhle mit vielen Gängen. Egal welchen Gang man nimmt, es ist immer der richtige. Du biegst ab – und es ist immer die richtige Richtung. Und am Ende vom Gang findest Du immer eine Schatztruhe. Und auf ihrem Deckel steht in großen Goldbuchstaben: "Kann ein Leben, egal ob mit oder ohne Stottern, überhaupt misslingen?" Ja, das ist schon komisch mit dem eigenen Leben. So als ob man das eigene Leben richtig in die Hand nehmen könnte, ohne dass es einem zwischen den Fingern zerrinnt.

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