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Hässliches Stottern



„Ich bin ein hässliches Entchen. Ich bin ein schwarzes Schaf. Ich stottere. Natürlich ist das Nonsense, wenn ich so was sage, ja, ich weiß. Aber ich fühle mich so. Eigentlich sehe ich ganz passabel aus, kann nicht meckern. Aber wenn ich den Mund aufmache, maschieren die Grimassen über mein Gesicht. Das sieht richtig krass aus. Eben hässlich. Superhässlich. Was soll ich machen? Ich achte auf mein Äußeres, ich ziehe mich schick an, ja, mal schick, mal geschmackvoll, mal extravagant, unter Umständen auch mal sportlich, wie es die Umstände eben erfordern. Ich passe da gewaltig auf. Ich gehe mit der Mode mit, halte mich auf dem Laufenden. Ich passe mich an. Ja, ich bin überangepasst. Und trotzdem – ich weiß, dass das Quatsch ist – ich fühle mich superhässlich, wenn ich den Mund auftue. Die Blockaden quälen mich, werfen mich jedes Mal aus dem Gleichgewicht. Noch habe ich keine Tricks, sie zu verbergen. Ich tue mein Bestes, aber sie machen sich breit und fett. Und ich kann dann mein eigenes dämliches Quaken nicht ertragen. Ich bin und bleibe eine ekelhafte Kröte.“


Manchmal bringen meine Klient:innen Tagebucheintragungen mit, die so ähnlich klingen, wie oben wiedergegeben. Meist sind es Frauen, die darüber offen sprechen können, die sich nicht schämen, ihre Wirkung auf andere Menschen zu betrachten und ihr nachzuspüren. Sie wünschen sich, angenommen zu werden, attraktiv zu wirken. Wer möchte schon unattraktiv erscheinen? Das äußere Erscheinungsbild soll stimmen. Man will nicht gleich auf den ersten Blick, beim ersten Wort unangenehm auffallen. Stottern fällt aber auf. Da ist die Sorge nachvollziehbar, die Unflüssigkeiten würden den Blick auf die eigene Person versperren.


Neben der Stotterangst gibt es bei vielen Betroffenen die Angst aufzufallen, negativ bewertet zu werden, den Ansprüchen von Mitmenschen nicht genügen zu können, sich klein und hässlich zu fühlen. Bei der Bearbeitung des Stotterns geht es darum, diese Themen ernst zu nehmen, sich ihnen zuzuwenden, nachzuvollziehen, wann und wodurch sich diese Formen der sozialen Besorgnis entwickelt haben und wo sich diese Sorgen im Lebensalltag heute zeigen. Und ob nicht der Mut, zu sich und der eigenen Person zu stehen, sich selbst zu akzeptieren, wieder geweckt werden kann. Die eigenen Selbstabwertungen gilt es zu identifizieren, die eigenen destruktiven Gedanken zu zügeln, zu zähmen, sie zu relativieren. Denn sonst entstehen aus den ständigen Selbstabwertungen feste Einstellungen, starre Überzeugungen bezüglich der eigenen Person. Das macht es schwer, ein sprechfreudiger Mit-Mensch zu werden. Nicht die Unflüssigkeiten sind es dann, die den Lebensweg behindern, sondern die eigenen Überzeugungen, nichts zu taugen, nicht attraktiv, nicht konkurrenzfähig zu sein und wie ein schwarzes Schaf am Rande der Herde zu stehen. Zusätzlich zur Desensibilisierung der Stotterangst stünde nun auch eine Desensibilisierung der sozialen Besorgnis an, der allgemeinen Angst aufzufallen und abzuweichen und von den Mitmenschen deswegen abgewertet zu werden.


Wie bei der Desensibilisierung eigener Blockaden (z.B. durch den absichtsvollen Einsatz von Pseudostottern) geht es darum, das zu tun, was man bisher peinlichst vermeiden wollte: die befürchtete „Hässlichkeit“ absichtsvoll herbeizuführen, beispielsweise den knallpinken Schal zur dezenten Extravaganz zu tragen, die Socken linksherum anzuziehen, ungekämmt oder ungeschminkt den Weg durch die Kollegengruppe zu wagen, den Hefter fallen zu lassen, die Tasse umzukippen. Auffallen mit Absicht? Ja. Was soll schon passieren? Treten tatsächlich die befürchteten Reaktionen der Mitmenschen ein? Und wenn nicht (was meist der Fall ist), wieviel deutlicher müssen die Abweichungen sein, damit sie von anderen überhaupt beachtet werden? Kann ich mich abhärten? Wann endlich merke ich, dass meine eigenen Katastrophenfantasien gar nicht zutreffen, selbst wenn das Seidentuch unpassend gewählt wurde und die eigene Stimme viel zu laut erklingt, wenn die Unordnung auf meinem Bürotisch oder meine Verspätung zu einer Teamsitzung von den Kolleg:innen gar nicht kommentiert werden.


Ich stehe zu mir. Ich bin wie ich bin. Anders darf sein.



Weiterführende Gedanken zum Thema findest du sowohl in meinem Blogeintrag „Identität - Was hat das mit Stottern zu tun?“, als auch in meinem Gedicht auf Instagram: „Ich erlaube mir…“; November 2022. Und lass uns in meinen Sprechstunden darüber reden: siehe Veranstaltungen auf www.abenteuerstottern.de !

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