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Sicherheitstraining


Wenn du in der Luft schwebst, 120 Meter über dem Boden, und dein Gleitschirm sinkt viel schneller als gedacht, wenn dann die dicken Elektrokabel der großen Überlandleitungen immer näherkommen, dann musst du schnell reagieren. Du kannst dich nicht auf fremde Hilfe verlassen, auf einen plötzlichen Aufwind, der dich über die Hindernisse hinwegträgt, du hast keine Zeit, in deinem schlauen Buch „Tipps für den Notfall“ nachzuschlagen, du musst sofort entscheiden, unverzüglich. Wenn unerwartete Sprechsituationen im Alltag vor dir auftauchen, stehst du auf festem Boden. Und wenn der zu wackeln anfängt oder deine Sicherheit dahin bröckelt, kannst du kneifen, du kannst abdrehen, „oh, pardon“ sagen, kannst die Bildfläche verlassen. Oder so tun, als ob dich gerade eine heftige Übelkeit überfallen hat. Oder du könntest einfach schweigen oder wegschauen oder weinerlich mit den Schultern zucken. Du kannst dich auch mutig ins Gespräch stürzen, eine befürchtete Kollision mit einem schwierigen Gesprächspartner wagen. Und selbst wenn du sie vermasselst, ist das nicht gesundheitsgefährdend. Elektrokabel sind da ein anderes Kaliber. Als ich noch zu den Gleitschirmfliegern gehörte, war es wichtig, mich mit Eventualitäten zu beschäftigen, die dramatisch enden könnten, mit Unglücksfällen und tödlichen Abstürzen. Damals gab es eine deutschsprachige Fachzeitschrift zum Paragliden, in der alle Unglücksfälle und tödlichen Abstürze der letzten Wochen aufgelistet waren. Ich konnte den Tag, an dem wieder ein neues Heft erschien, kaum erwarten. Auf der vorletzten Seite gab es detaillierten Analysen der Vorfälle. Was ist da schiefgelaufen?, wollte ich wissen. Waren die Leute zu leichtsinnig? Hatten sie zu wenige Informationen über die Beschaffenheiten des Fluggeländes? Hätten sie sich sorgsamer vorbereiten können? Gab es unvorhersehbare Witterungsverhältnisse? In den Kursen meiner Flugschule haben wir gelernt, uns rückwärts in die Tiefe abzuseilen, für den Fall einer Baumlandung. Im Sicherheitstraining haben wir plötzliche und heftige Sinkflüge mit dem Schirm simuliert. Wir haben versucht, den Tatsachen ins Auge zu schauen und uns das eigene Versagen in scheinbar ausweglosen Situationen zu vergegenwärtigen. Bis zum Ende meiner Fliegertage (die ich gesund absolvierte) gab es diesen Sog zur vorletzten Seite. Und es gab ein dickes TROTZDEM, diesen Sog zum Fliegen, zum Immer-höher- Fliegen, zum Noch-länger-im-Aufwind-bleiben, das Sirren der Schnüre und das Rauschen des Segels in den Ohren zu hören, das jähe Absacken im Magen zu spüren oder das Hochgerissenwerden durch die turbulenten Luftströmungen. Den Kitzel der Gefahren ausgesetzt zu sein und ihn irgendwie doch auch zu genießen. Höhenflüge und Abstürze gehören zusammen. Je höher der siebente Himmel, desto tiefer der Fall bei der Trennung. Nach jauchzenden Luftsprüngen kann man leicht auf die Nase fallen und klägliche Landungen verursachen, die lange schmerzen. Sollten wir deswegen mit dem Fliegen aufhören? Mit dem Sich- verlieben? Sollten wir besser den Verlockungen widerstehen, die Lust ersticken? Es gibt doch so viel Wunderbares, was gewagt werden will! Wir könnten unsere Träume aufgeben, uns in Watte einpacken, auf Sehnsüchte verzichten, um ja nicht in Turbulenzen zu geraten. Und die Frage steht im Raum: Sind die Gefahren, die du nicht einzugehen bereit bist, reale Gefahren, die dir an Leib und Seele schaden? Ist es vernünftig zu verzichten? Auf Kontakt. Auf neue Menschen. Auf alltägliche Plaudereien und Nebenbei-Gespräche, auf Annäherungen („Hallo, wer bist denn Du?“), auf eine immer wieder verschobene deutliche Abgrenzung („Stopp! So nicht!“). Bist du ÜBERvernünftig, bist du ÜBERängstlich, schneidest du dir deine Entwicklungsmöglichkeiten fahrlässig klein, vermeidest den Aufstieg in luftigere Höhen, vertraust nicht auf die Kraft des Aufwindes?

Höhenflüge kann man auch mit Stottern wagen. Lass dich vom Aufwind verwöhnen! Du fragst dich, wo du den Aufwind finden kannst? Nun – vielleicht besuchst du einmal unsere Online-Seminare

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